Die Geschichte der Pinakothek
Die Vatikanische Pinakothek entstand nicht als Kunstgalerie im modernen Sinne. Ihre Geschichte ist die der Zerstreuung und der Wiedergewinnung.
Im Jahr 1797 zwang der Vertrag von Tolentino — unterzeichnet zwischen Napoleon Bonaparte und Papst Pius VI. — den Vatikan, hundert Kunstwerke an französische Museen abzutreten. Die vatikanischen Meisterwerke wurden nach Paris transportiert, wo sie bis zu Napoleons Sturz im Jahr 1815 verblieben. Der Wiener Kongress (1815) besiegelte die Rückgabe vieler Werke, jedoch nicht aller.
Die zurückgegebenen Werke wurden zunächst in der Galerie der Statuen und anderen Räumen des Apostolischen Palastes untergebracht. Es war Pius XI., der 1932 einen dauerhaften, eigens dafür errichteten Sitz wünschte: ein eigens in den vatikanischen Gärten erbautes neuromanisches Gebäude, entworfen von Luca Beltrami.
Die Struktur: 18 Säle, 460 Werke
Die Pinakothek umfasst achtzehn chronologisch geordnete Säle, von mittelalterlichen Primitiven (12.–14. Jh.) bis zum 18. Jahrhundert. Der Rundgang ist verhältnismäßig kurz — weniger als eine Stunde für einen Überblick — doch einige Säle verdienen weit mehr Zeit.
Die unverzichtbaren Werke
Saal II: Giotto — das Stefaneschi-Triptychon
Die Stefaneschi-Tafel (um 1315–1320) ist eines der Meisterwerke Giottos, das sich noch in situ befindet: Sie wurde für den Hochaltar der Petersbasilika angefertigt und verblieb dort jahrhundertelang. Mitteltafel: der heilige Petrus auf seinem Thron; Gegentafel: Christus in der Glorie. Giottos Figuren zeigen bereits den Übergang von der byzantinischen Frontalität zur Dreidimensionalität: Es sind die ersten Figuren der westlichen Malerei, die einen realen Raum zu bewohnen scheinen.
Saal IV: Melozzo da Forlì — die musizierenden Engel
Die Fragmente des Zyklus von Melozzo da Forlì (1477–1481) stammen aus der Apsis der alten Basilika der Santi Apostoli, die für Erweiterungen abgerissen wurde. Die neun erhaltenen musizierenden Engel — vom ursprünglichen Fresko abgelöste Fragmente — gehören zu den berühmtesten Bildern der römischen Malerei des 15. Jahrhunderts. Der Ton ist heiter, fast melancholisch. Das ursprüngliche Fresko stellte die Himmelfahrt Christi dar; die erhaltenen Fragmente zeigen deren himmlischen Umriss.
Saal VIII: Raffael — der wichtigste Saal der Pinakothek
Saal VIII ist fast vollständig Raffael gewidmet und enthält drei Meisterwerke:
Die Verklärung (1516–1520): Raffaels letztes Werk, bei seinem Tod 1520 unvollendet zurückgelassen. Die Komposition ist in zwei Register gegliedert: oben die Verklärung Christi auf dem Berg Tabor (schwebender Christus zwischen Moses und Elias, geblendete Apostel); unten ein von einem Dämon besessener Knabe, den die Apostel ohne Christus nicht heilen können. Der Kontrast — himmlische Herrlichkeit oben, menschliche Ohnmacht unten — ist das bildnerische Manifest von Raffaels theologischem Denken. Die Ausführung des unteren Teils wird Giulio Romano zugeschrieben.
Die Madonna von Foligno (1511–1512): von Sigismondo de' Conti als Votivbild in Auftrag gegeben, nachdem er einem Blitzeinschlag überlebt hatte. Die Gottesmutter mit Kind befindet sich im Himmel; unten die heiligen Stifter und eine Ansicht der vom Blitz getroffenen Stadt Foligno. Eine der ausgewogensten marianischen Kompositionen Raffaels.
Das Porträt von Innozenz X.: umstrittene Zuschreibung, aber historisch bedeutsam.
Saal IX: Leonardo — der heilige Hieronymus
Der Heilige Hieronymus in der Wüste von Leonardo (um 1480–1482) ist technisch gesehen ein unvollendetes Werk: ganze Farbpartien fehlen, sodass die darunter liegende Vorzeichnung sichtbar ist. Die Figur des Heiligen — hager, büßend, mit dem Löwen zu seinen Füßen — zeigt eine für die damalige Zeit außergewöhnliche Anatomie. Der erhobene Arm und die Drehung des Halses sind mit einem Verständnis des menschlichen Körpers gelöst, das die anatomischen Zeichnungen vorwegnimmt. Der Löwe unten rechts ist kaum mehr als skizziert.
Saal XII: Caravaggio — die Grablegung Christi
Die Grablegung Christi (1602–1604) gilt als einer der Höhepunkte von Caravaggios Schaffen. Die Komposition ist eine Architektur der Körper: Vier Figuren halten oder begleiten den Leichnam Christi, der in den Raum des Betrachters herabsteigt — der Eckstein, ebenfalls gemalt, scheint aus der Leinwand herauszuragen. Das Licht ist Caravaggios Licht: radikal, brutal, theatralisch. Maria Magdalena links; Nikodemus (wahrscheinlich Caravaggios Selbstporträt) blickt den Betrachter an.
Saal XIV: Van Dyck und Rubens
Van Dycks Grablegung Christi (1627–1628) ermöglicht in nur zwei Sälen einen möglichen Vergleich mit Caravaggios Meisterwerk: dieselbe Szene, flämische Technik, andere Emotionalität.
Saal XVII: Gentilini und die Druckgrafiken
Saal XVII beherbergt die berühmte Sammlung von Druckgrafiken Piranesis, darunter die römischen Veduten und die Carceri d'invenzione — Meisterwerke des visionären Kupferstechers des 18. Jahrhunderts.
Weniger bekannte Werke, die man nicht verpassen sollte
- Tizian, Madonna mit Kind und Heiligen: eines der wenigen dauerhaft im Vatikan ausgestellten Tizian-Werke
- Guido Reni, Kreuzigung des heiligen Petrus: im Dialog mit Caravaggios Behandlung desselben Themas in der Cerasi-Kapelle
- Nicolas Poussin, Martyrium des heiligen Erasmus: großes Format, äußerst präzise Technik
Die Pinakothek klug besuchen
Ihre Lage in den Vatikanischen Museen
Die Pinakothek befindet sich am Eingang des Rundgangs, in einem separaten Gebäude rechts. Die meisten Besucher überspringen sie, um dem Strom zur Sixtinischen Kapelle zu folgen. Der Rat ist, sie vor der Sixtina zu besuchen, solange man noch ausgeruht ist.
Benötigte Zeit
- Überblick: 45 Minuten
- Saal für Saal: 2 Stunden
- Nur Raffael + Caravaggio: 30 Minuten
Der Besucherandrang
Die Pinakothek ist deutlich weniger überfüllt als die Raffael-Zimmer und die Sixtinische Kapelle. Die Werke können aus nächster Nähe betrachtet werden, ohne Gedränge.
Mit einem Privatfahrer besuchen
Die Vatikanische Pinakothek verdient einen eigenen Besuch, vielleicht als erster Termin des Morgens, bevor der Touristenstrom anschwillt.
Kommen Sie bei Öffnung mit einem Privatfahrer in die Vatikanischen Museen: Die Pinakothek ist um 9 Uhr nahezu leer. Service ab €49. → Buchen Sie Ihren Fahrer auf myromedriver.com
Häufig gestellte Fragen
Muss man für die Pinakothek extra bezahlen? Nein. Die Pinakothek ist im Standardticket der Vatikanischen Museen enthalten (€17–21).
Ist Raffaels Verklärung wirklich sein letztes Werk? Ja. Raffael starb am 6. April 1520 im Alter von 37 Jahren. Die Verklärung stand auf seiner Staffelei. Sie wurde während der Trauerfeier in der Basilika des Pantheons (wo er noch begraben liegt) über seinem Sarg aufgestellt.
Ist Leonardos Heiliger Hieronymus unvollendet oder handelt es sich um eine bewusste Technik? Er ist dokumentiert als unvollendet: Leonardo ließ ihn zwischen 1482 und 1483 in Rom zurück, als er nach Mailand aufbrach. Das Fehlen von Farbe in ganzen Partien ist kein stilistischer Effekt.
Wo liegt die Pinakothek im Verhältnis zur Sixtinischen Kapelle? Am Eingang der Vatikanischen Museen, in einem separaten Gebäude rechts, vor Beginn des Hauptrundgangs. Wer den Standardrundgang nimmt, findet sie direkt nach dem Eingang — die meisten Besucher ignorieren sie und gehen weiter.
Gibt es spezielle Führungen für die Pinakothek? Wenige. Die meisten Führungen konzentrieren sich auf die Sixtinische Kapelle und die Raffael-Zimmer. Die Pinakothek wird in umfassenden oder privaten Führungen meist als „Bonus" mitgenommen.
Artikel Nr. 30 — TIER S — MON-02 Vatikanische Museen + Sixtinische Kapelle Typ: GESCHICHTE Wörter: ~2.400