Saturn: der Gott der Zeit und der Ernte
Saturn war einer der ältesten Götter des römischen Pantheons, identifiziert mit dem griechischen Kronos — dem Titanen, Vater Jupiters, Gottheit der Zeit, der Ernte und der Landwirtschaft.
Die römische Tradition schrieb Saturn die Herrschaft über ein ursprüngliches Goldenes Zeitalter zu — eine mythische Zeit, in der weder Sklaverei noch Privateigentum existierten, Menschen im Überfluss lebten ohne zu arbeiten, und absolute Gleichheit herrschte. Dieser Mythos des Goldenen Zeitalters ist grundlegend für das Verständnis der besonderen Natur der Saturnalien.
Der Kult Saturns war sehr alt: Sein Tempel auf dem Forum war eines der allerersten heiligen Gebäude Roms. Die Lage am westlichen Ende des Forums — am Hang des Kapitols — war bedeutungsgeladen: Saturn präsidierte über die Grundlagen der römischen Bürgerordnung.
Der Bau des Tempels
Der Überlieferung zufolge wurde der Saturntempel 497 oder 498 v. Chr. vom Konsul Titus Largius während der Republik geweiht. Einige Quellen schreiben seine Gründung jedoch der Königszeit zu und machen ihn zu einem der ältesten Kulte Roms.
Der ursprüngliche Tempel war aus Tuff und lokalem Stein nach archaischer Bautechnik errichtet. Im Laufe der Jahrhunderte wurde er mehrfach wieder aufgebaut. Die heute sichtbare Struktur in ihrem oberen Teil geht auf einen Wiederaufbau von 42 v. Chr. zurück, der vom General Lucius Munatius Plancus in Auftrag gegeben wurde — eine interessante Persönlichkeit: Er hatte mit Caesar, dann mit Pompeius, dann mit Antonius und schließlich mit Augustus gekämpft. Der Wiederaufbau wurde mit der Kriegsbeute seiner gallischen Feldzüge finanziert.
Die Inschrift auf dem Architrav — heute noch lesbar — lautet: SENATUS POPULUSQUE ROMANUS INCENDIO CONSUMPTUM RESTITUIT „Der Senat und das Volk Roms haben das durch Feuer Vernichtete wiederhergestellt."
Das Aerarium: der Staatsschatz Roms
Die wichtigste Funktion des Saturntempels war die als Aerarium — der Staatsschatz Roms. Im Podium des Tempels, in den Kammern unter dem Boden, wurden verwahrt:
- Gold und Silber des Staates: die Währungsreserven Roms
- Provinztribute: die jährlichen Zahlungen der unterworfenen Regionen
- Die signa militaria: die dem Tempel zur Verwahrung anvertrauten Feldzeichen
- Bronzetafeln: die öffentlichen Archive der Gesetze, internationalen Verträge und Senatsbeschlüsse
Das Aerarium wurde von den Quästoren verwaltet — römischen Magistraten, die für die Staatsfinanzen zuständig waren. Der Zugang war kontrolliert; Mittel konnten nur mit Genehmigung des Senats entnommen werden.
Besonders bedeutsam war das vexillum rossum (rote Feldzeichen): Wenn dieses Banner auf dem Kapitol gehisst wurde, signalisierte es den Kriegszustand und die Öffnung des Aerarium zur Finanzierung von Feldzügen.
Die acht Säulen: was heute noch bleibt
Von den acht ionischen Granitsäulen, die heute zu sehen sind, befinden sich sechs an der Frontfassade und zwei an den Seiten. Sie sind etwa 11 Meter hoch und haben Schäfte aus grauem und rosa ägyptischen Granit — ein Material, das im 6. Jahrhundert v. Chr. nicht verfügbar war, was darauf hinweist, dass die Säulen das Produkt späterer Umbauten sind.
Ein bemerkenswertes Detail: Die ionischen Kapitelle der acht Säulen sind nicht alle identisch. Unterschiede in den Proportionen und Details legen nahe, dass einige Säulen aus früheren Gebäuden stammen oder dass mittelalterliche Restaurierungen Elemente unterschiedlicher Herkunft verwendet haben.
Das heute sichtbare Ziegelpodium ist die Struktur der Spätantike; der ursprüngliche Tuffkern ist in Abschnitten, wo der Putz abgefallen ist, teilweise sichtbar. Die Fronttreppe, die zum Forum hinabführte, ist nicht erhalten.
Die Saturnalien: das wichtigste Fest Roms
Der Saturntempel war das Zentrum der Saturnalien (Saturnalia) — dem größten Volksfest Roms, gefeiert vom 17. bis 23. Dezember (der Kalender variierte über die Jahrhunderte).
Die Saturnalien waren durch eine rituelle Umkehrung der gesellschaftlichen Ordnung gekennzeichnet, in Erinnerung an Saturns Goldenes Zeitalter:
Rollentausch: Während der Saturnalien bedienten die Herren ihre Sklaven bei Tisch — die sitzend aßen, während die Herren stehend servierten. Sklaven durften frei sprechen, Arbeit verweigern und sich als Gleiche der Freigelassenen verhalten.
Das öffentliche Bankett: Am 17. Dezember fand auf dem Forum ein großes öffentliches Bankett statt, das allen Bürgern offenstand. Es folgten Tage öffentlicher Feiern mit Spielen, privaten Banketten und Geschenken.
Geschenkaustausch (strennae): Man tauschte Wachskerzen (cerei), Terrakottapuppen (sigillaria) und kleine Geschenke aus. Die Reichen beschenkten ihre Klienten und Abhängigen.
Redefreiheit: Während der Saturnalien war offene Kritik an den Mächtigen ohne Konsequenzen erlaubt — eine Pause in der normalen gesellschaftlichen Zensur.
Der rex Saturnalicius (König der Saturnalien): Bei privaten Banketten wurde ein vorübergehender König gewählt, der für die Dauer des Festes absurde Gesetze erließ.
Die Saturnalien beeinflussten direkt die christlichen Weihnachtstraditionen in den folgenden Jahrhunderten: Geschenkaustausch, Bankette, Kerzen, Rollentausch — viele europäische Weihnachtsbräuche haben ihre Wurzeln in den römischen Saturnalien.
Die Lage: der Vicus Iugarius und die Via Sacra
Der Saturntempel befand sich an der Kreuzung der Via Sacra und des Vicus Iugarius (Straße der Jochbauer) — der Straße, die zum Flusshäfen am Tiber und zu den Handelsbezirken Roms führte.
Diese Position war strategisch: Sie war der Knotenpunkt zwischen dem religiösen Pol des Kapitols, der Handelsachse zum Tiber und dem Bürgerraum des Forums. Die Präsenz des Aerarium an diesem Knoten war nicht zufällig — Saturn war der Gott des materiellen Reichtums ebenso wie der Zeit.
Der Saturntempel in der Geschichte Roms
Mehrere Episoden der römischen Geschichte sind direkt mit dem Saturntempel verbunden:
Im Jahr 390 v. Chr., beim Gallischen Brand, wurde der Schatz dank der Wachsamkeit der heiligen Gänse des Kapitols vor der Ankunft der Gallier in Sicherheit gebracht — die berühmte Episode der „Kapitolinischen Gänse". Der Schatz wurde jedoch teilweise als Lösegeld an die Gallier übergeben.
Als Julius Caesar den Rubikon im Jahr 49 v. Chr. überschritt und auf Rom marschierte, floh der Senat ohne Zeit, den Schatz mitzunehmen. Caesar öffnete das Aerarium und bemächtigte sich des Staatsgoldes — ein Akt von außerordentlicher symbolischer und praktischer Tragweite, der den Bürgerkrieg finanzierte.
Unter Augustus wurde das Aerarium schrittweise als Hauptstaatsfonds durch den kaiserlichen Fiscus — den persönlichen Fonds des Kaisers — ersetzt. Das Aerarium Saturni blieb formal für die Finanzen des Senats aktiv, aber die tatsächliche Kontrolle des Geldes verschob sich in Richtung des kaiserlichen Hofes.
Wie man ihn heute besucht
Die acht Säulen des Saturntempels sind vom Forum Romanum aus sichtbar, am westlichen Ende in Richtung Kapitol. Sie sind wahrscheinlich die meistfotografierte Struktur des gesamten Forums.
Die Inschrift auf dem Architrav ist aus nächster Nähe lesbar (man muss die moderne Treppe hinaufgehen). Das Ziegelpodium ist zugänglich.
Um den Tempel in den Forumbesuch einzuordnen, stellen Sie sich vor die Fassade und identifizieren Sie:
- Die sechs vorderen Säulen und die zwei seitlichen
- Die unterschiedlichen ionischen Kapitelle (Unterschiede mit bloßem Auge erkennbar)
- Die republikanische Inschrift auf dem Architrav
- Den spätantiken Ziegelkern des Podiums
Mit einem Privatfahrer besuchen
Der Saturntempel liegt im Forum Romanum und ist im Kombiticket enthalten.
Besuchen Sie den Saturntempel und das Forum Romanum mit einem Privatfahrer: Tür-zu-Tür-Service zum Herzen der römischen Antike. Service ab €49. → Buchen Sie Ihren Fahrer auf myromedriver.com
Häufig gestellte Fragen
Wie viele Säulen hat der Saturntempel? Acht ionische Granitsäulen: sechs an der Fassade und zwei an den Seiten. Sie sind etwa 11 Meter hoch.
Was wurde im Saturntempel aufbewahrt? Der Staatsschatz Roms (Aerarium): Gold- und Silberreserven, Provinztribute, Feldzeichen und öffentliche Archive auf Bronzetafeln.
Wann wurden die Saturnalien gefeiert? Vom 17. bis 23. Dezember. Das Fest beinhaltete den Rollentausch zwischen Herren und Sklaven, öffentliche Bankette und Geschenkaustausch.
Ist der Saturntempel der älteste in Rom? Er gehört zu den ältesten: der Überlieferung nach 497–498 v. Chr. gegründet. Der Tempel der Dioskuren (484 v. Chr.) ist zeitgleich.
Warum haben die Säulen unterschiedliche Farben? Die Schäfte bestehen aus grauem und rosa ägyptischen Granit verschiedener Herkunft. Einige Unterschiede in den Kapitellen legen nahe, dass die Säulen aus aufeinanderfolgenden Umbauten stammen, die heterogene Materialien einbezogen.
Artikel Nr. 43 — TIER S — MON-03 Forum Romanum + Palatin Typ: GESCHICHTE Wörter: ~2.400
Siehe auch
- Forum Romanum: vollständige Geschichte des Zentrums der antiken Welt
- Vestatempel und Vestalinnen: Geschichte des heiligen Feuers Roms
- Titusbogen: Geschichte und Bedeutung des wichtigsten Triumphbogens Roms
- Das Kolosseum: vollständige Geschichte von seiner Einweihung im Jahr 80 n. Chr. bis 2025
- Der Altar des Vaterlandes: Geschichte und Bedeutung